Spurendenken Ausstellungstext
Futures to Come
in Kooperation mit Galerie Max Protetch, New York
„[...] unser Denken ist seither durch eine Linearität geprägt: Auf a folgt b, und wer a sagt muß auch b sagen, das ist das Gesetz und die Grundlage unserer geistigen Verfassung und Moral. Wer nur schon a gesagt hat, rennt bereits voll ins Verderben. Die Katastrophentheorie liegt im System selber begründet. Das ist das Denken der Logik, der Kausalität, der Konsequenzen. Das, wenn es einmal seinen Lauf genommen hat, immer weiter geht, bis sein unausweichliche Ende eintritt. Es hat die Mathematik, die Zeit, die Wissenschaft, die Ordnung hervorgebracht, aber andere Völker sind beim Tausch, den Jahreszeiten, den Visionen, dem Zufall, der Ausnahme und allerlei Ungereimtheiten geblieben. Das war ihre Art den Dingen ihr Recht zu lassen. [...] die alten Modelle taugen nichts mehr. Längst ist der Übergang von der Linie zur Fläche, von der Fläche zum Bild, vom Buchstaben zur Schrift und zum Text, von der Ordnung zur Auflösung, Verteilung und Streuung, von der Sedimentation und Seßhaftigkeit zum nomadischen Schweifen zu beobachten. Es sind Versuche, der Enge und Einschränkung zu entkommen und einen neuen Raum für die Entfaltung und ein neues Dispositiv für neue Spielzüge zu gewinnen. Die Ordnung hat sich als Stillstand erwiesen, als Reduktion und Mangel an Komplexität. Wo sich aber nichts mehr bewegt, kann auch nichts entstehen, nichts neues, auch keine Überraschungen. Also bleibt nur noch die Wiederholung und Simulation oder die Implosion. Die Thermodynamik war innerhalb der Logik der Wissenschaft ein großer Erkenntnisschritt, der zu der Einsicht führte, daß zuviel Ordnung unerträglich und zugleich die Unordnung Voraussetzung für die Entstehung kreativer Prozesse ist.“
„Wir sind demnach in ein Netz hineingestellt und über verschieden geartete Fäden mit anderen verbunden. Wir empfangen durch diese Fäden alle Informationen, alles, was wir aus den empfangenen Informationen gemacht haben, alle unsere Handlungen, Entscheidungen, Taten. Wir sind Knoten in einem Netz, Knoten in welchen Fäden zusammenkommen und auseinanderfließen. Die Stellung eines jeden Knotens im Netz verschiebt sich ständig, je nach der Intensität der empfangenen und ausgesandten Informationen, und das ganze Netz schwingt, wogt, verdichtet sich an einigen Stellen, und wird an anderen dünner. Eine solche Gesellschaft ist eine nomadische Gesellschaft. Das entscheidende daran aber ist, daß sie aus Knoten aufgebaut ist, also aus Relationen, daß sie ein Relationsfeld ist, und das Konkrete an dieser Gesellschaft nicht irgendein Individuum, sondern eben die Relation ist. Das, was einst das "Ich“, die „Identität“, das „Selbst“ genannt wurde, entpuppt sich als Knoten von Relationen. Ich bin, was immer ich in Bezug auf andere bin. “Ich“ ist, wozu „Du“ gesagt wird. Die ich- Kapsel zerspringt und es eröffnet sich die Beziehung des Anerkennens des anderen, um von ihm anerkannt zu werden. Das ungefähr ist die phänomenologische Sicht auf die telematische, die künftige nomadische Gesellschaft.“
Deleuze und Guattari fassen die wichtigsten Merkmale ihrer Theorie des Rhizoms zusammen: „[...] im Unterschied zu den Bäumen und ihren Wurzeln verbindet das Rhizom einen beliebigen Punkt mit einem anderen; jede seiner Linien verweist nicht zwangsläufig auf gleichartige Linien, sondern bringt sehr verschiedene Zeichensysteme ins Spiel und sogar nicht signifikante Zustände. Das Rhizom läßt sich weder auf das eine noch auf das Viele zurückführen. Es ist nicht das eine, das zwei wird, auch nicht das eine, das direkt drei, vier, fünf etc. wird. Es ist weder das Viele, das vom einen abgeleitet wird, noch jenes Viele, zu dem das Eine hinzugefügt wird (n+1). Es besteht nicht aus Einheiten, sondern aus Dimensionen. Ohne Subjekt und Objekt bildet es lineare Vielheiten mit n Dimensionen, die auf einem Konsistenzplan ausgebreitet werden können, und von denen das Eine immer abgezogen wird. Eine Vielheit variiert ihre Dimensionen nicht, ohne sich selbst zu ändern und zu verwandeln. Eine Struktur ist durch ein Ensemble von Punkten und Positionen definiert, durch binäre Relationen zwischen diesen Punkten und biunivoke Relationen zwischen diesen Positionen; das Rhizom dagegen besteht nur aus Linien: den Dimensionen der Segmentierungs- und Schichtungslinien, aber auch der Maximaldimension der Flucht und Deterritorialisierungslinie, auf der die Vielheit abfährt und sich verwandelt. Man darf solche Linien und Spuren nicht mit den Abstammungslinien des Baumtyps verwechseln, die nur Verbindungen zwischen Punkten und Positionen angeben. Im Gegensatz zum Baum ist das Rhizom nicht Gegenstand der Reproduktion: weder einer äußeren Reproduktion als Bildbaum, noch einer inneren Reproduktion als Baumstruktur. Das Rhizom ist eine Anti-Genealogie. Das Rhizom geht durch Wandlung. Ausdehnung, Eroberung, Fang und Stich vor. Im Gegensatz zu Graphik, Zeichnung und Photo, zu den Kopien bezieht sich das Rhizom mit seinen Fluchtlinien auf eine Karte mit vielen Ein- und Ausgängen; man muß sie produzieren und konstruieren, immer aber auch demontieren, anschließen, umkehren und verändern können. Man muß die Kopien auf Karten zurückübertragen und nicht umgekehrt. In zentrierten (oder auch polyzentrischen) Systemen herrschen hierarchische Kommunikation und von vornherein festgelegte Verbindungen; dagegen ist das Rhizom ein nicht zentriertes, nicht hierarchisches und nicht signifikantes System ohne General, organisierendes Gedächtnis und Zentralautomat; es ist einzig und allein durch die Zirkulation der Zustände definiert. Im Rhizom geht es um ein Verhältnis zur Sexualität, aber auch zu Tier und Pflanze, zu natürlichen und künstlichen Gegenständen, das sich völlig vom Baumverhältnis unterscheidet: um „Werden“ aller Art.
Es erscheint dringend nötig aufgrund einer dramatisch veränderten Gegenwartssicht auch die bekannten Werkzeuge mit denen immer wieder Zukunft materialisiert wird, zu prüfen und auch offen zu ergänzen oder zu verwerfen.
Antrieb dabei ist die Annahme, daß die gegenwärtig steigende Zahl der Parameter der Lebenswelt zu einem höheren Grad an Komplexität der Grundlagen für Projekte führen muß.
Jede Zeit bringt Bilder hervor, die direkt dazu benutzt werden, Zukunft zu projizieren. Bei dieser Vorgehensweise wird deutlich vernachlässigt, die Möglichkeit zuzulassen grundsätzliche, strukturelle Fragen zu stellen. Viele stereotype Bilder täuschen Antworten vor.
Das Experiment als Arbeitsweise wurde gewählt als eigentlich naturwissenschaftliche Technik mit einer gegebenen Zahl und Qualität von Parametern einen Versuchsablauf herzustellen oder zu simulieren, der in seiner Auswertung zu neuen Erkenntnissen führen soll.
Die Voraussetzungen können in einer Simulation nicht die tatsächliche Zahl von n+1 erreichen, d.h. die real zu erwartende Komplexität wird mit diesem Experiment nicht erreicht werden können. Wichtig ist, daß ein komplexer, nicht prognostizierbarer Weg erfordert, daß subjektive Momente aus dem individuellen Bereich gleichberechtigt berücksichtigt werden.
Nicht in der Beschränkung der Basis und der Ausgangssituation kann die Hoffnung auf ein alles ermöglichendes Ergebnis liegen das eine Entwicklung verspricht. Gerade die Offenheit des Startpunktes muß überkommene Muster verwerfen, die zu einer Vordefinition eines Ergebnisses führen könnten. Definition ist Begrenzung und Beschränkung sogar im wörtlichen Sinn.
Ziel ist, die traditionellen Sichtweisen und Positionen zu ergänzen, die glauben, daß ein Entwurf vollständig strukturierbar oder sogar sein Ergebnis vorhersagbar ist. Selbst die begriffliche Definition der Bezeichnung „Entwurf“ trägt die Möglichkeit sich zu ändern oder mit einer neuen Bedeutung belegt zu werden. Offenheit und Veränderung der Wahrnehmung sollen sensibel machen für gerade erst beginnende Erkenntnis der Nichtbeschränktheit, die in sich einen Ganzheitsanspruch trägt, der jede Beschränkung ausschließt.
Der Input aus verschiedenen Quellen wird benutzt, um einen neuen Anstoß für Planungen im komplexen gegenwärtigen und zukünftigen Kontext zu geben. Diese Ergebnisse können dann nicht definierte Häuser sein, deren Schaffungsprozeß nur eine begrenzte Anzahl von schematisierten Einflüssen zuläßt; der in sich nicht mehr den Anspruch erheben kann einen relevanten Beitrag zur Gegenwart zu leisten. Momente des Unfalls, des Aufeinandertreffens und der Überraschung von nicht kontrollierbaren Ereignissen können neue Wege zeigen. Der Hemmschuh der Selbstbeschränkung kann fallen und eine „Architektur“ entlassen, die sich zum Ereignis generiert als Verdichtung und Kombination komplexer „Pixel“. Die Erwartung auf eine Antwort sollte Platz machen für das Bestreben Fragen zu stellen.
Das subjektive Erleben einer besonderen, ungewohnten, räumlichen Situation steht im Vordergrund. Unsere dreidimensionale Skizze formuliert Raum als einen Grundgedanken der Architektur und materialisiert ihn. Er wird Selbstzweck.
Als Pendant zum umgebenden, harten, statischen Galerieraum mit seiner gesehenen Formation stehen fünf amorphe, dynamische Körper. Diese genähten Körper aus leichtem Tuch formen sich durch bewegte Luft. Sie sind weich und unstet.
Der Besucher bewegt sich durch Zwischenräume und sich ergebende Wege in einem vielfältigen, sich ständig ändernden und wieder durch ihn selbst bewegten Raum. Dieser Raum auch beschrieben durch Wortpaare wie hart – weich, Enge – Weite usw. wird gezeigt. Das reale dreidimensionale Erlebnis gerade auch für den bisher nicht primär mit diesem Thema konfrontierten Menschen steht im Vordergrund.
In einer gegenwärtigen Architekturdiskussion, die inzwischen so richtungslos wie interdisziplinär geworden ist, formulieren sich Tendenzen und Anstöße selten außerhalb der Ebene von Simulationen. Aus der Überzeugung und Motivation heraus Raum aus seinen Simulationen zu befreien und erlebbar zu machen, bauen wir.
1 H.G. Haberl/P. Strasser (Hrsg.), Steirischer Herbst Graz, Nomadologie der Neunziger, Cantz Verlag, Bonn 1995,
Aurel Schmidt S.63.
2 H.G. Haberl/P. Strasser (Hrsg.), Steirischer Herbst Graz, Nomadologie der Neunziger, Cantz Verlag, Bonn 1995
Vilem Flusser S.136
3 Gilles Deleuze/ Felix Guattari, Tausend Plateaus, dt. Ausg. Merve Verlag, 1997
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